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Friedensbeauftragter für Kolumbien: Chance auf Frieden und Versöhnung

Friedensbeauftragter für Kolumbien

Kolumbiens Chance auf Frieden und Versöhnung

Seehaus e. V. und Prison Fellowship leisten wichtigen Beitrag

Seit eineinhalb Jahren bin ich Beauftragter des Außenministers für die Unterstützung des Friedensprozesses in Kolumbien. Ende September haben kolumbianische Regierung und FARC-Guerilla nach schwierigen Verhandlungen einen Friedensvertrag unterzeichnet. Mit knapper Mehrheit wurde der Vertrag von der kolumbianischen Bevölkerung per Plebiszit abgelehnt. Es zeigt sich, wie gespalten das Land nach über 52 Jahren Krieg mit der FARC, 340.000 Toten und sechseinhalb Millionen Binnenvertriebenen noch immer ist. Nicht nur der Friedensnobelpreis für Präsident Santos zeigt, Kolumbien hat eine Chance auf Frieden und Versöhnung. Aber der Weg ist lang und bleibt nicht ohne Risiken.

Man muss wissen: Lokale Konflikte bleiben der Nährstoff des kolumbianischen Binnenkonflikts. Dabei geht es i.d.R. um die natürlichen Ressourcen aller Art und ihre Nutzung. Sie bestehen fort und können die Akzeptanz des Friedens schwächen. Die in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gemachten gesellschaftlichen, politischen und technischen Erfahrungen einer stürmischen ökologischen Entwicklung und die Lehren aus durchlebten oder durchlittenen heftigen Kontroversen über Umweltprobleme können in Kolumbien helfen.

Kolumbien findet bei der deutschen Bevölkerung und zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Initiativen, bei den christlichen Entwicklungs- und humanitären Organisationen und vielen internationalen NGOs großes Interesse, dies vor allem bei der sozialpolitisch und internationalistisch orientierten Linken.

Das Friedensabkommen gilt noch nicht für die kleinere Guerilla-Organisation, die ELN. Die Anzahl ihrer aktiven Kämpfer ist weit geringer als die der FARC, der ebenfalls bewaffnete Sympathisantenkreis unter der Bauernschaft jedoch groß. Die ELN ist in diesem Sinne mehr bewaffnete Bauernpartei als stehendes Heer, ihre Aktionen stärker auf das Lokale gerichtet. Nach ihren Vorstellungen soll die Basis einbezogen werden, der zivilgesellschaftliche Konsens steht im Zentrum, die Meinungsbildung im Volke. Im Prozess dieser Diskussionen liegt die Chance für die kolumbianische Demokratie, mehr Repräsentativität zu gewinnen und auf die Marginalisierten und nie Gehörten oder nie Einbezogenen zu zugehen. Das setzt aber ein Niederlegen der Waffen voraus. Das ist ein Wagnis – schaut man auf die Sicherheit, die Machtverhältnisse, die Paramilitärs und die Gegner des Friedens allgemein. Aber ohne Frieden mit der ELN bleibt der Frieden unvollendet.

Zivilgesellschaft und kolumbianische Regierung wünschen, dass die deutsche Kooperation zur Vertrauensbildung, zum Interessenausgleich beiträgt. Es lohnt sich, bei den Opfern und ihren Organisationen anzusetzen, mit ihnen zusammenzuarbeiten und auf sie zu hören. Frauen, Kinder, Hinterbliebene und Angehörige sind die besten Protagonisten von Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Nichtwiederholung.

Die neu geplante Einrichtung eines Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts (DKFI) nach dem Vorbild deutscher Friedensforschungsinstitute stößt bei der kolumbianischen Regierung und auch den Hochschulen auf großes Interesse. Es soll durch Ausbildung und Forschung im Bereich Friedensstudien und Transitional Justice den Friedensprozess wissenschaftlich begleiten und so einen Beitrag zur Konsolidierung leisten.

Die Arbeit von Seehaus e.V. und ihrer Partnerorganisation Prison Fellowship Kolumbien leistet einen wichtigen Beitrag zum Friedensprozess und zur Versöhnung in Kolumbien. Durch das „APAC“-Programm werden Gefängnisinsassen der FARC, ELN, Paramilitärs und anderer Gruppen auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. In weitestgehender Selbstverwaltung lernen sie friedlich miteinander umzugehen. Durch Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten einerseits und durch die Aufarbeitung der Vergangenheit und Opferempathieprogramme werden sie darauf vorbereitet, nach ihrer Entlassung für sich und ihre Familien zu sorgen und gleichzeitig für Frieden und Versöhnung einzustehen. Bei den „Dörfern der Versöhnung“ nehmen ehemalige Guerillas und Paramilitärs an Versöhnungsgesprächen mit Opfern des Konflikts teil. Gemeinsam bauen sie dann zerstörte Infrastruktur in ihren Dörfern auf. So können sie die Vergangenheit hinter sich lassen und arbeiten zusammen für die Zukunft ihrer Dörfer. Ich glaube, diese Programme tragen mehr zu Gerechtigkeit und Versöhnung bei als Gefängniszellen und vergitterte Fenster.

Mit der Verleihung des Nobel-Preises für Santos ist die Zeit der Feierlichkeiten vorbei. Die Regierung muss das Erreichte umsetzen, die Kampagne als Aufklärung über die Programme fortsetzen, die Demobilisierung beginnen und wo irgend es geht, Integrationsprojekte umsetzen. Das Volk hat schon zu lange gewartet.

Santos hat den Preis auch verdient, weil er in der Stunde seiner Niederlage durch das Plebiszit zum Frieden gestanden hat. Frieden egal wie, mit weniger Glanz aber mehr Kraft, höherem Einsatz, Kontinuität und Entschlossenheit. Dem sollten alle Friedenfreunde folgen.. Es hat keinen Zweck, auf Zeiten oder gar den Durchbruch zu warten, weder bei der FARC noch bei der ELN. Die beschwerliche Arbeit am Frieden hat längst begonnen.

Tom Koenigs ist Sprecher für Menschenrechtspolitik der Bundestagsfraktion und seit März 2015 Beauftragter des Bundesaußenministers für die Unterstützung des Friedensprozesses in Kolumbien.

Mehr Informationen über die Arbeit von Prison Fellowship Kolumbien.

Artikel aus dem Seehaus Infobrief Nr. 29, Dezember 2016

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