Opfer und Täter im Gespräch (OTG)


Opfer und Täter im Gespräch (OTG)

Opfer von Straftaten

Über sechs Millionen Straftaten werden jedes Jahr in Deutschland begangen. Opfer leiden oft lange Zeit oder sogar ihr Leben lang unter den Folgen der Straftat. Sie erfahren kaum Hilfe und so ist es schwer, die Folgen der Straftaten aufzuarbeiten.

Sie wurden selber Opfer einer Straftat oder haben als Angehöriger eines Opfers durch eine Straftat gelitten?

 

Sie möchten

  • wissen, was in einem Täter vorgeht, warum er so etwas tun kann?
  • Ihre Wut, Ihre Emotionen loswerden und Täter mit den Folgen einer Straftat konfrontieren?
  • das Geschehene aufarbeiten und einen Heilungsprozess beginnen?

Im Programm  „Opfer und Täter im Gespräch“ findet in sechs Begegnungen zwischen jeweils bis zu je sechs Opfern und sechs Tätern ein Gedankenaustausch statt. Dabei können die Opfer  die Auswirkungen der Straftaten aufzeigen und ihre Leidensgeschichte erzählen. Gleichzeitig machen sich die Beteiligten gemeinsam auf den Weg zur Bewältigung der Vergangenheit: Anhand der biblischen Zachäus-Geschichte und verschiedenen Themen wie „Schuldbekenntnis und Reue“,  „Verantwortung übernehmen“ oder „ Wiedergutmachung“ wird aufgezeigt und in Gruppenarbeit erarbeitet, wie die Folgen einer Straftat für Opfer und Täter aufgearbeitet werden können.

Broschüre „Opfer und Täter im Gespräch“ (PDF)

Ziele für Opfer

  • das Geschehene verarbeiten
  • Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen
  • Möglichkeit, Wut und Emotionen loszuwerden
  • Anstoß eines Heilungsprozesses

Berichte von Opfern

Eduard M.*


Eduard M. (Name geändert) Ende 2007 wurde ich überfallen. Es wurden mir unter anderem schwere Kopfverletzungen zugefügt. Dieses brutale Erlebnis habe ich nur durch ein Wunder überlebt. Schlagartig, ja völlig unvorbereitet, brachte der Überfall für mich und meine Frau unvorstellbare Veränderungen in mein Leben, die keiner von uns wollte. Nach einigen Rehabilitationsmaßnahmen , mit einjähriger Dauer, verabschiedete ich mich von meiner alten Arbeitsstelle. Mein durch den Überfall veränderter Gesundheitszustand ließ es nicht mehr zu, meine mir so liebgewordene Arbeit weiter zu führen.

Fragen wie: Warum ist mir das passiert? Was habe ich falsch gemacht? Warum wollte man mich töten? quälten mich über lange Zeit, raubten mir den Schlaf und brachten Angst in mein Leben. Warum können Menschen nur so brutal sein? Was sind das für Menschen, die unschuldigen Menschen böses tun? Als Opfer einer Straftat dachte ich viel über diese Fragen nach.

Eines Tages lernte ich Tobias Merckle, den Leiter vom Seehaus Leonberg kennen. Als er meine Geschichte hörte, lud er mich ein, an dem Kurs „Opfer – Täter im Gespräch“ (OTG) teilzunehmen. Nach einigem Zögern sagte ich zu. Ich musste schon Mut tanken um Tätern zu begegnen, die oft ohne jegliches Mitgefühl Mitmenschen brutal Böses antun. Doch ich wollte es wissen: Was haben Täter erlebt, um Täter zu werden? Wie denken, empfinden und reden Täter, wenn sie erzählen, was sie taten und warum sie straffällig wurden. Jede Gesprächsrunde verlief sehr interessant, so dass ich nicht eine versäumen wollte.

Heute weiß ich, die Teilnahme am OTG hat sich für mich gelohnt. Denn ich habe viel gelernt, was Täter zu Tätern macht. Und die Täter haben durch uns Opfer eine Sicht dafür bekommen, welche weitreichenden und irreparablen Folgen Straftaten für Opfer haben können. Doch das Schönste war, dass durch die offenen Gespräche in disziplinierter Atmosphäre zwischen Opfern und Tätern Verständnis füreinander aufkam. Und nicht nur das, die erlebte gegenseitige Vergebungsbereitschaft ermöglichte mir wie den Tätern erleichtert miteinander in eine neue Zukunft zu gehen. Und dieser Schritt ist für Opfer wie Täter sehr wichtig. Vergangenes ehrlich ablegen und neu anfangen, dazu haben die wertvollen Begegnungen beigetragen.


Franziska S.*

An Silvester 1994 kamen mein Mann, meine kleine Tochter (4 Jahre) und ich nach einem kurzen Besuch am frühen Abend gegen 19 Uhr wieder nach Hause. Wir schlossen die Haustüre auf, traten ein und ich wunderte mich sehr welches Chaos auf meiner Kellertreppe herrschte. Im ersten Moment dachte ich, dass unsere kleine Tochter da gespielt hat, aber dann plötzlich realisierte ich was geschehen war, beim Blick in meine Küche. Mich durchfuhr ein großer Schreck, Einbrecher sind oder waren hier. Unsere Tochter hatte ich auf dem Arm. Sie erschrak genauso wie ich und weinte. Wir verließen fluchtartig das Haus, da wir nicht wussten, ob noch jemand im Haus war. Mit unserem Nachbarn durchsuchten wir alle Stockwerke, aber es war niemand da, doch das Chaos und das Durcheinander war schlimm.

Ab dem Zeitpunkt schlief unser Kind nicht mehr in ihrem Bettchen, nur noch bei uns. Ihre Angst war sehr groß. Ich konnte sie nicht beruhigen, denn ich konnte nicht sagen, das passiert nie mehr, da kommt keiner mehr. 11 Monate später, waren wir drei eine Woche verreist, und als wir nach Hause zurückkamen, hing ein Zettel an der Haustür: „Bitte nicht hineingehen, erst beim Nachbarn klingeln.“ Es war wieder eingebrochen worden. Dieses Mal versuchten wir es unserer Tochter zu verheimlichen. Aber zwei Tage später trafen wir eine Bekannte beim Spaziergang, die gleich mit diesem Ereignis herausplatzte und unsere kleine Tochter damit sehr schockierte! Sie war außer sich und die Angst wurde noch größer, zumal wir ja auch nicht ehrlich zu ihr waren. Alles begann von Neuem. Sie schlief nur bei uns im Ehebett. Wir benötigten sehr viel Geduld, bis sie mit Mama oder Papa dann in ihrem eigenen Bett wieder eingeschlafen ist. Nachts schrie und weinte sie oft nach uns.

Zwei Jahre später wurde bei Nachbarn eingebrochen. Die Nachbarin war auf ein Vordach über der Haustüre geflüchtet und schrie um Hilfe. Wieder bekam unsere Tochter alles mit – wie mein Mann unsere Nachbarin mit der Leiter gerettet hat, und wie Polizisten und Hunde ums Haus liefen. In der selben Nacht wurde nochmals bei anderen Nachbarn eingebrochen. Diese Ereignisse haben unsere Tochter regelrecht aus der Bahn geworfen. Heute ist sie 21 Jahre alt. Als wir letztes Jahr eine Woche verreist sind, blieb sie nicht allein im Haus! Freunde und die Oma sind gekommen um bei ihr zu übernachten! Sie schlief selbst da nicht in ihrem eigenen Bett, sondern legte sich mit einer Matratze neben das Bett der Oma. Allgemein ist sie sehr ängstlich, auch beim Weggehen am Abend fährt sie nie allein mit Auto, Bahn oder Bus.

Die Einbrüche haben sich tief in ihre Seele gegraben. Wenn die Einbrecher wüssten, was sie alles kaputt machen können, ich meine nicht das Materielle, vielleicht würde mancher anders entscheiden. Die Einbrüche haben bei uns als Familie viel verändert. Wenn wir am Abend weggehen möchten, werden viele Vorkehrungen getroffen, aus Angst, dass es wieder passieren könnte! Mir ist nie ganz wohl, wenn ich nicht zu Hause bin. Auch nachts schrecke ich bei jedem kleinen Geräusch auf und habe schon oft eine Strategie überlegt, was ich machen könnte, wenn wieder ein Einbruch passieren würde.

Über die Jahre wuchs langsam etwas Gras über alles, ich versuchte viel zu verdrängen. Durch das OTG kam alles wieder an die Oberfläche. Ich konnte alles erzählen, laut aussprechen und ich fühlte mich ernst genommen, was ich vor dem Kurs nicht geglaubt hatte. Ich wusste es bleibt alles in der Gruppe, es wird nicht nach außen getragen, das war mir sehr wichtig! Das OTG war Therapie für mich! Es konnte Vergebung und Versöhnung stattfinden! Tief in meinem Herzen empfinde ich Frieden! Nur wenn man Frieden hat ist wirkliches sinnvolles Leben möglich! Ich möchte es allen Opfern ans Herz legen, sich zu überwinden und an diesen Gesprächen teilzunehmen. Es lohnt sich ganz bestimmt! Ich denke auch, dass dadurch viele Täter zum Nachdenken kommen, weil sie vorher einfach nicht wissen, welche Auswirkungen so ein „kleiner Einbruch“ haben kann!

*Namen geändert


Ziele für Täter

  • Verantwortung für den zugefügten Schaden an Opfern und deren Angehörigen sowie der Gesellschaft anerkennen und übernehmen
  • Opferempathie entwickeln – Sichtweise und Erfahrung von Opfern verstehen
  • Wiedergutmachung gegenüber Geschädigten und der Gesellschaft leisten
  • Möglichkeit, Vergebung und Versöhnung zu erfahren

Bei den Tätern, die sich an dem Programm beteiligen, handelt es sich um männliche Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren aus dem Seehaus Leonberg. Sie haben sich aus der Haft heraus für das Seehaus Leonberg entschieden, weil sie ihr Leben ändern möchten.

In Einzel- und Gruppengesprächen werden sie mit der Opferperspektive konfrontiert und auf die Teilnahme an dem OTG vorbereitet. Die Teilnahme daran ist für sie freiwillig.

  • Sie sind Opfer einer Straftat?
  • Sie sind Angehöriger, Nachbar oder Freund eines Opfers?
  • Sie fühlen sich durch eine Straftat verletzt oder geschädigt?
  • Sie sind mindestens 18 Jahre alt?

» Dann melden Sie sich, wir freuen uns über Ihre Teilnahme an „Opfer und Täter im Gespräch“.

Bei Fragen und Interesse wenden Sie sich bitte an:
Irmela Abrell
Tel. 07152/33123-306
iabrell@seehaus-ev.de

Bei unseren Prison Fellowship Partnerorganisationen in anderen Ländern wird das OTG unter dem Namen „Sycamore Tree Project“ durchgeführt: Mehr Infos


Seehaus e.V. kooperiert mit dem Weissen Ring. Die Vorsitzende des Fachbeirates Vorbeugung, Frau Dr. Wiebke Steffen, ist Mitglied des Kuratoriums bei Seehaus e.V.

Der WEISSE RING – Opferhilfe in Deutschland

Der WEISSE RING hilft überall in Deutschland Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind und kümmert sich auch um die Angehörigen. Der gemeinnützige Verein tritt öffentlich für die Interessen der Betroffenen ein und unterstützt den Vorbeugungsgedanken. Seit seiner Gründung im Jahr 1976 hat der WEISSE RING als einzige bundesweit tätige Opferhilfsorganisation ein flächendeckendes Hilfsnetz für in Not geratene Kriminalitätsopfer aufgebaut. Geschädigte können sich an mehr als 3.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in 420 Außenstellen an den WEISSEN RING wenden.


Restorative Justice

Seehaus e.V. ist Mitglied bei Prison Fellowship International (PFI), einem internationalen Zusammenschluss von unabhängigen Mitgliedsorganisationen in über 115 Ländern. PFI setzt sich mit seinem „Centre for Justice and Reconciliation“ auch besonders für „Restorative Justice“ (Restaurative Justiz oder wiedergutmachende Gerechtigkeit) ein.  Im Konzept von Restorative Justice steht im Gegensatz zur herkömmlichen Strafjustiz nicht die Strafe im Vordergrund, sondern der Schaden, der Opfern und Gesellschaft durch eine Straftat entstanden sind. Die Opferperspektive wird dadurch in den Mittelpunkt gerückt.


eu-flaggeIm Rahmen des EU-Projekts „Building Bridges“ (JUST/2013/JPEN/AG) arbeiten wir mit Partnerorganisationen in Holland, Ungarn, Portugal, Italien, Tschechische Republik und Spanien zusammen, um Opfer- und Täter im Gespräch-Programme zu erweitern oder neue zu initiieren. Wissenschaftlich wird das Projekt durch die University of Hull (GB) und das Makam Research Institut (Österreich) begleitet.

Die Seehaus Opferberatungsstelle wurde im Rahmen dieses Projekts begonnen und wird von der EU unterstützt.


Weitere Links:

Interview mit Irmela Abrell im Magazin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe 1/2016

Arbeitskreis der Opferhilfen in Deutschland e.V.

Opferschutz und Opferhilfe in Baden-Württemberg

Filmbeitrag über Täter-Opfer-Ausgleich im Justizvollzug

Seehaus-Video zum Thema Opfer und Täter im Gespräch

Seehaus-Video zum Täter-Opfer-Ausgleich