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Von der Angst zum Miteinander

Wie das Seehaus in Störmthal seinen Platz gefunden hat

Dieses Jahr wird das Seehaus 15 Jahre alt. Zu diesem Anlass erinnert sich Franz Steinert (Seehaus Leipzig) an die Anfänge. Ein Rückblick, wie alles begann. Und wie in Störmthal aus Angst ein Miteinander wurde.

Anfang 2011 wird bekannt, dass im beschaulichen Dörfchen Störmthal ein neuer Seehaus-Strafvollzug entstehen soll. Schnell kochen die Emotionen hoch. Es gründet sich eine Bürgerinitiative. Bei einer Unterschriftensammlung unterschreiben mehr als die Hälfte der Störmthaler gegen die Neugründung. Auch online wird gegen das Projekt massiv Stimmung gemacht. Auch wenn im September 2011 der erste straffällige Jugendliche in das neue Seehaus einziehen kann, so reißt der Protest nicht ab.

Hüttenbau in der Kita Störmthal, Franz Steinert (links) mit Margit Helas (rechts)

Mittendrin sind zwei Frauen. Eine davon: Margit Helas. Die Leiterin der örtlichen Kindertagesstätte hat wie viele andere Angst, als sie das erste Mal vom Seehaus in ihrem Dorf hörte. Doch Helas lässt sich auf ein Gespräch mit dem Leiter des Strafvollzugs ein. Sie schaut sich die Einrichtung selbst an und lernt das Konzept kennen. Dabei bekommen die jungen Männer ein Gesicht, die Helas zuvor nur als „die Straftäter“ betrachtete. Sie beginnt ihre Meinung über das Seehaus zu ändern.

Als Elternabende und Ratsversammlungen eskalieren

Die andere Frau ist Gabriele Lantzsch. Die Bürgermeisterin von Großpösna, zu dem Störmthal gehört, positioniert sich für die Ansiedlung des neuen Seehauses. Dafür wird sie beschimpft und beleidigt, online und auch im Ortschaftsrat. Der Widerstand, auf den sie trifft, ist massiv und erbittert. Es gibt Parteiaustritte. Ein Störmthaler zieht gegen die Nutzungsgenehmigung des Seehauses für das alte Pflegeheim vor Gericht.

Gabriele Lantzsch beim 10-jährigen Jubiläum des Seehaus Leipzig

Gabriele Lantzsch beim 10-jährigen Jubiläum des Seehaus Leipzig

Auch in der Kita kochen die Emotionen über. Als Kita-Leiterin Helas und ihr Team den Sand in der Einrichtung austauschen müssen, wollen sie sich dabei von den Ausbildern und straffälligen Jugendlichen aus dem Seehaus helfen lassen. Doch die Eltern schlagen Alarm: Verbrecher haben nichts in einer Kindereinrichtung zu suchen, lautet eine Aussage. Es gibt zahlreiche hitzige Elternabende, aber Helas bleibt standhaft. Sie lässt den Sand mit Hilfe des Seehauses austauschen. Die Eltern können selbst entscheiden, ob ihre Kinder dabei sind. Einige wenige Kinder kommen – und erzählen danach zu Hause und den anderen Kindern von der schönen gemeinsamen Aktion.

Arbeitseinsätze und Gespräche beginnen zu wirken

Es folgen viele Arbeitseinsätze dieser Art. Die straffälligen Jugendlichen aus dem Seehaus packen im Ort mit an: Sie helfen bei Reparaturen, bauen Bänke, sanieren ein Bushaltehäuschen und gestalten Schulhöfe. Sie sind in Vereinen aktiv, nehmen an Festen und Gottesdiensten teil und stellen ihre Arbeit selbst vor.

Gleichzeitig laden die Verantwortlichen des Seehauses die Störmthaler in den Strafvollzug ein, frei nach dem Motto „Wer kritisiert, wird eingeladen“. Bei diesen Besuchen kommen auch die straffälligen Jugendlichen selbst zu Wort. Sie erläutern das Konzept und erzählen ihre Lebensgeschichte. Statt über sie zu reden, wird nun mit den Jugendlichen im Seehaus gesprochen. Außerdem bleibt aus, was von den Kritikern befürchtet wurde. Es gibt keine Vorfälle.

Ein junger Mann aus dem Seehaus Leipzig neben einem neuerrichteten Klettergerüst in der Kita Störmthal

So bröckelt die Skepsis, auch in der Kita. Aus einzelnen Arbeitseinsätzen entstehen feste Kooperationen: Die jungen Männer aus dem Seehaus bauen ein Klettergerüst, helfen regelmäßig und sind schließlich fast so etwas wie ein inoffizieller Bauhof der Kita. Die Kinder besuchen das Seehaus, füttern Tiere und erleben die Einrichtung als normalen Teil ihres Umfelds.

Die Skepsis bröckelt und Miteinander zeigt sich 

Drei Jahre später, im September 2015, geht es wieder um die Zukunft des Seehauses – nur dieses Mal um die langfristige Zukunft. Bei einer Bürgerinformationsveranstaltung wird diskutiert, ob das Seehaus nicht bleiben könne. Eine große Mehrheit der anwesenden Bürger zeigt sich offen für diesen Vorschlag, darunter auch frühere Gegner des Strafvollzugs. Daraufhin initiiert der Ortschaftsrat eine Umfrage im Dorf. Das Ergebnis: 76 Prozent der teilnehmenden Haushalte stimmen für einen dauerhaften Verbleib – und sogar für die Vergrößerung des Seehauses.

Letztlich entscheidet sich der Seehaus e. V. aus verschiedenen Gründen gegen den Verbleib in Störmthal und für einen Neubau am Hainer See. Aber das ist eine andere Geschichte. In Störmthal wurde aus Angst ein Miteinander.