Von der Angst zum Miteinander:
Wie das Seehaus in Störmthal seinen Platz gefunden hat
Angst, Skepsis, Ablehnung: Als das Seehaus vor 15 Jahren in Störmthal seine Arbeit aufnahm, gab es viele Diskussionen und Widerstände im Ort. In nur wenigen Jahren entwickelte sich jedoch eine Akzeptanz in der Bevölkerung, die am Anfang schwer vorstellbar war. Dazu wesentlich beigetragen haben Menschen, die sich aktiv hinter das Seehaus gestellt haben: So wie Gabriela Lantzsch, damals Bürgermeisterin von Großpösna, und Margit Helas, damals Leiterin der Kindertagesstätte in Störmthal. Franz Steinert hat die beiden Frauen heute, 2026, noch einmal interviewt. Er selbst hat diese Anfänge des Seehauses teilweise noch miterlebt – und zeichnet mit den Erinnerungen der beiden Frauen die Geschehnisse aus der Entstehungszeit des Seehauses nach: Wie der Weg von der Angst zum Miteinander gelingen konnte.

Das Seehaus im Lutherstift in Störmthal – von 2011 bis 2018 war es dort beheimatet.
Margit Helas hat Angst, als sie 2011 das erste Mal vom Seehaus und dem Vollzug in freien Formen hört. Die Leiterin der Kindertagesstätte ist damit nicht die Einzige. Als im beschaulichen Störmthal bekannt wird, dass in einem ehemaligen Pflegeheim Jugendliche aus dem Strafvollzug untergebracht werden sollen, gründet sich rasch eine Bürgerinitiative. Ihr erklärtes Ziel: Die Ansiedlung des Projektes verhindern.
Die Initiatoren betonen, die Ziele des Trägers seien ja unterstützenswert. Aber nicht hier bei uns in Störmthal, so meinen sie. Das beiße sich doch mit der geplanten touristischen Entwicklung! Störmthal solle lebenswert sein – also dürfe es keine Justizvollzugsanstalt im Ort geben, so die Argumentation. Bei einer Sammlung von Unterschriften unterschreiben mehr als die Hälfte aller Störmthaler gegen die Ansiedlung. Im September, als der erste junge Mann aus der Jugendstrafvollzugsanstalt ins Seehaus einzieht, schreibt ein anonymer Kommentator online: „Ab jetzt heißt es alles zu- und anschließen. Kinder nur noch unter Aufsicht im Freien spielen lassen und wachsam sein.“
Als Elternabende und Ratsversammlungen eskalieren
Margit Helas dagegen will ihrer Angst nicht das letzte Wort überlassen. Der Leiter des Seehauses besucht sie in ihrem Kindergarten und lädt sie in die Einrichtung ein. Sie nimmt an, schaut sich das Seehaus vor Ort an. Dort lässt sie sich von den Mitarbeitern erklären, wie das Konzept in Leonberg schon seit 2003 funktioniert: Die jungen Männer aus dem Gefängnis müssen sich bewerben, sie kommen freiwillig und werden ausgewählt. Ein straffer Tagesablauf wartet auf sie – keine Chance für Langeweile. Sie leben in einer Hauselternfamilie mit und übernehmen Verantwortung für den Familienalltag und den Haushalt. Um sich ein Fundament für ein Leben ohne Straftaten zu erarbeiten, werden sie schulisch und beruflich ausgebildet.
„Die Straftäter“ bekommen ein Gesicht und eine persönliche Geschichte. Für sie wird klar: Das Seehaus macht Sinn! Helas sagt schließlich:
„Jedes Kind kann später in Konflikte mit der Gesellschaft geraten. Wer weiß schon, ob nicht das eigene Kind auch mal dahin kommt?“
Nach dem Sinneswandel wollen Margit Helas und ihr Kindergarten-Team gern mit dem Seehaus zusammenarbeiten. Ein erstes Projekt wird auserkoren: In der Kita soll Sand ausgetauscht werden. Und die Seehaus-Jungs mit ihren Ausbildern bieten an, dabei zu helfen. Doch die Eltern der Kinder schlagen Alarm: „Verbrecher haben nichts in einer Kindereinrichtung zu suchen“, lautet eine Aussage.
Es gibt zahlreiche, hitzige Elternabende. Dort wird Margit Helas auch persönlich angegangen: „Wie können Sie so etwas zulassen?“ fragt man sie. Und man wirft ihr vor: „Wenn man es nicht anders wüsste, könnte man denken, die Frau Helas bezieht zwei Gehälter – eins von der AWO und eins vom Seehaus.“ Margit Helas muss also kämpfen. Nein, sie will kämpfen. Dabei macht sie schmerzhafte Erfahrungen. In den Gesprächen mit ihrem Mann versucht sie zu verarbeiten – dabei fließen auch die Tränen. Aber für sie und ihr Team steht fest:
Nicht nur in der Kindertagesstätte, auch im Ortschaftsrat Störmthal geht es heiß her. Mittendrin: Gabriela Lantzsch. Sie ist Bürgermeisterin von Großpösna, der Gemeinde, zu der Störmthal gehört. Sie positioniert sich für die Ansiedlung des Seehauses. Der Widerstand, auf den sie trifft, ist massiv und erbittert. Ein Gedanke, der ihr im Anschluss an eine dieser lebhaften Ortschaftsratssitzung durch den Kopf geht:
„Die wählen mich nie wieder.“
Aber Bürgermeisterin Lantzsch lässt sich nicht beirren, wenn sie eine Sache für richtig hält. Sie holt Landtagspolitiker und Gemeinderäte zu folgenden Sitzungen dazu. Doch statt sich anzunähern, verschärfen sich die Diskussionen. Weil der anwesende Landtagsabgeordnete für die Einrichtung wirbt, tritt ein Störmthaler aus Protest aus seiner Partei aus. Ein anderer Störmthaler zieht gegen die Nutzungsgenehmigung des Seehauses für das alte Pflegeheim vor Gericht – und hat zwischenzeitlich Erfolg. Bis zur letztendlichen Klärung vorm Sächsischen Oberverwaltungsgericht im August 2012 vergehen Monate. Es ist eine Zeit der Ungewissheit, in der die Emotionen überkochen. Und in der online übel geschimpft, beleidigt und unterstellt wird – nicht ohne Folgen für Gabriela Lantzsch:
„Ich war körperlich massiv angeschlagen in dieser Zeit. Ich hatte mit starken Kopfschmerzen und Bluthochdruck zu kämpfen. Einmal haben sich mein Sohn und mein Hauptamtsleiter verbündet und mir meinen Zugang zum Internet gekappt, um mich zu schützen.“
Arbeitseinsätze und Begegnungen beginnen zu wirken

Margit Helas (u.r.) und Franz Steinert (u.l.) mit jungen Männern und Mitarbeitern des Seehauses beim Bau einer Hütte im Kindergarten in Störmthal 2015.
Zeitgleich packen die Seehaus-Jungs an verschiedenen Stellen im Ort mit an: Bauen Bänke für Rastplätze am Störmthaler See, sanieren ein Bushaltehäuschen, verschönern Schulhöfe, bauen ein Schwanenhaus. Sie bieten immer wieder Hilfe an, gehen auf Menschen zu.
Die Jugendlichen und die Seehaus-Mitarbeiter spielen in den örtlichen Fußballvereinen mit. Mit den direkten Seehaus-Nachbarn entsteht ein freundschaftliches Verhältnis. Die Einladung des Seehauses zur Reise nach Leonberg nehmen sie an, um sich anzuschauen, wie Strafvollzug in freien Formen schon seit vielen Jahren erfolgreich funktioniert. Im lokalen Beirat informiert die Seehaus-Leitung regelmäßig Vertreter der Bürgerschaft über die aktuellen Entwicklungen der Einrichtung.
Zahlreiche Störmthaler kommen zu den Begegnungsmöglichkeiten bei Festen und Gottesdiensten ins Seehaus. Prominente stellen sich öffentlich hinter die Arbeit des Vereins. Und frei nach dem Motto „Wer kritisiert, wird eingeladen“ stellen die „Seehäusler“ allen Interessierten vor Ort das Konzept vor. Besonders eindrücklich: Die straffälligen jungen Männer erläutern selbst das Konzept und ihre Lebensgeschichte. Statt über sie zu reden kann mit ihnen gesprochen werden. Und: Es passiert nichts von dem, was die Kritiker befürchten – es gibt keine Vorfälle. Das nimmt den Ängsten den Wind aus den Segeln. Stattdessen geschieht etwas anderes: Die Begegnung zwischen Seehäuslern und Störmthaler und die zunehmende Gewöhnung aneinander sorgen dafür, dass Vertrauen wächst und Wertschätzung entsteht.
Die Skepsis bröckelt und das Miteinander wächst
Auch Margit Helas, die Leiterin der Kindertagesstätte, erlebt das in ihrer Einrichtung. Für die Aktion mit dem Austausch des Sands wird eine Lösung gefunden: Ihr Team opfert den pädagogischen Tag und macht daraus einen Arbeitseinsatz zusammen mit dem Seehaus. An diesem Tag können die Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder bringen wollen oder nicht. Eine Handvoll Kinder kommen. Im Anschluss erzählen sie zu Hause und den anderen Kindern, wie schön der Tag war. Margit Helas hält den Arbeitseinsatz auf Fotos fest und hängt sie aus. So macht sie es auch bei den folgenden Projekten mit dem Seehaus.

Ein junger Mann präsentiert stolz das Klettergerüst, das er in der Seehaus-Werkstatt mit- und in der Kita Störmthal eingebaut hat.
Stück für Stück bröckelt die Skepsis der Eltern. Die Seehaus-Jungs übernehmen eine Reparatur hier, eine Verschönerung dort. Das Seehaus wird so etwas wie der inoffizielle Bauhof des Kindergartens. Eines Tages erhält das Seehaus den Auftrag für ein massives Holz-Klettergerüst. Die Seehaus-Jungs tischlern es in der Werkstatt und bauen es unter großem Staunen vieler kleiner begeisterter Kletterer in der Einrichtung auf.
Die früheren Frontlinien verwischen mehr und mehr: Nun kommen auch die Kinder der Seehaus-Hauseltern in den Kindergarten. So sitzen dann auch Seehaus-Mitarbeiter bei Elternabenden dabei. Außerdem etabliert sich im Kindergarten eine Tradition: Kleine Wanderungen von Kita-Gruppen ins Seehaus. Dort befindet sich ein Gemüsebeet, das mit den Kindern bepflanzt und gegossen wird. Und es gibt Hasen und Hühner, die gefüttert und gestreichelt werden können. Einige Eltern stecken ihren Kindern eine Extraportion Möhren in die Brotbüchse, wenn es ins Seehaus geht. Die Frage, wohin der Martinsumzug wandert, beantwortet sich fast von selbst: Von der Kindertagesstätte ins Seehaus und wieder zurück.

Volles Haus beim Seehaus-Café, dem „Tag der offenen Tür“ im Seehaus Störmthal (2014-18)
Der Wind hat sich gedreht
Drei Jahre später, im September 2015, geht es wieder um die Zukunft des Seehauses. Bei einer Bürgerinformationsveranstaltung wird diskutiert, wie es mit dem Seehaus weitergeht. Die Atmosphäre ist ruhig. Der Ortschaftsrat moderiert. Unter den Störmthalern waren Stimmen laut geworden, das Seehaus könne doch langfristig mit seiner Arbeit in Störmthal bleiben und müsse nicht wie ursprünglich geplant an einen anderen Standort. Und tatsächlich: Eine große Mehrheit der anwesenden Bürger schließt sich dieser Meinung an, darunter auch frühere Gegner der Ansiedlung.
Der Ortschaftsrat initiiert eine Umfrage im Dorf. 76 Prozent der teilnehmenden Haushalte stimmen für einen dauerhaften Verbleib des Seehauses in Störmthal und sogar für dessen Vergrößerung!
Was hat dazu geführt, dass der Wind sich in den zurückliegenden drei Jahren drehte? Durchhaltevermögen, ja klar. Aber es braucht noch mehr. Gabriela Lantzsch beschreibt ihre grundsätzlichen Prinzipien:
„Authentizität. Maximale Ehrlichkeit und Offenheit. Zügig informieren. Die Sachen klar beim Namen nennen. Nichts versprechen, was man nicht halten kann. Nicht rechtfertigen oder angreifen. Ganz bei sich bleiben.“
Als Gabriela Lantzsch sich 2015 erneut zur Bürgermeisterwahl aufstellen lässt, beglückwünschte sie dazu ein Störmthaler, der sie 2011 noch heftig für ihre Unterstützung des Seehauses kritisiert hatte.
„Er meinte, es ist alles so gekommen, wie ich es angekündigt hatte”,
erzählt Gabriela Lantzsch
„Ich habe mir zum Beispiel für jeden, der neu ins Seehaus kam, Zeit für ein persönliches Kennenlerngespräch genommen. Ich wusste Bescheid, was im Seehaus läuft. Und die Seehäusler haben mit ihrer Offenheit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und positiven Präsenz im Ort in den Mensch-zu-Mensch-Begegnungen einfach überzeugt. Sie haben das vorgelebt, was Sie gesagt haben.“
Gabriela Lantzsch wird schließlich mit überwältigender Mehrheit – auch im Ortsteil Störmthal – erneut zur Bürgermeisterin gewählt. Bis zum letzten Neuzugang, den das Seehaus bis 2018 in Störmthal bekam, hat sie jeden jungen Mann zu Beginn seiner Seehaus-Zeit persönlich interviewt. Auch für Margit Helas hat die Seehaus-Geschichte ein versöhnliches Ende gefunden. Und obwohl es sie einiges gekostet hat, sagt Margit Helas heute:
„Ich würde es jederzeit wieder so machen.“

Gabriela Lantzsch beim 10-jährigen Jubiläum des Seehauses in Sachsen 2021. Im Hintergrund Henry Graichen, der als Landrat und vorher Bürgermeister von Neukieritzsch die Ansiedlung des Seehauses in der Region begleitet und unterstützt hat.
Margit Helas, die Kita-Leiterin und Gabriela Lantzsch, die Bürgermeisterin: Zwei Frauen mit Herz und Mut. Durch Menschen wie sie entstehen überhaupt erst Räume für Begegnung, die es braucht, damit Vertrauen wachsen kann. Beide wussten anfangs nicht, wie die Geschichte mit dem Strafvollzug im Seehaus ausgeht. Trotzdem haben sie sich engagiert. Was bei beiden Frauen heute, 15 Jahre später, noch durchklingt: Wie wichtig die gegenseitige Unterstützung der Befürworter gewesen ist. In ihren Teams in der Kita und in der Gemeindeverwaltung, in Sitzungen und Gesprächen mit Ortschaftsratsmitgliedern, Unternehmern, Kirchenvertretern, Eltern, Störmthaler Bürgern, die Solidarität gezeigt haben. Beide Frauen erwähnen heute unabhängig voneinander, wie wertvoll damals die Stimme der anderen jeweils für sie war – obwohl das alles schon so viele Jahre her ist und sie keine persönliche Beziehung zueinander haben.
Seehaus e. V. entschied sich aus verschiedenen Gründen gegen den Verbleib in Störmthal und für den Neubau am Hainer See. Begleitet war diese Entscheidung von der leisen Hoffnung, dass es dort diesmal vielleicht weniger Skepsis in der Bevölkerung geben könnte – schließlich liegt der Neubaustandort nur 15 Autominuten entfernt von Störmthal. Und immerhin hatte sich das Seehaus als Einrichtung in der Region bereits etabliert und unter Beweis gestellt. Und es hatte sich ja gezeigt, dass Befürchtungen und Ängste zwar verständlich, aber nicht begründet sind. Doch weit gefehlt: Der Protest und Widerstand begannen von Neuem. Eine neue Bürgerinitiative, eine neue Unterschriftensammlung, Plakate und Slogans – alles ging von vorne los. Der Neubau und das Seehaus in Sachsen standen auf der Kippe. Gott sei Dank gibt es Menschen mit Herz und Mut nicht nur in Störmthal… aber das wäre eine andere Geschichte.
Franz Steinert, Mai 2026
Eine deutlich gekürzte Version des Beitrages können Sie hier nachlesen: Von der Angst zum Miteinander
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So berichtete die Leipziger Volkszeitung über den Tag der offenen Tür 2014:

Vielen Dank an die LVZ für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

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