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Wenn ich das damals gewusst hätte, wäre ich vielleicht geblieben

Ein Gespräch mit Christopher Kahmen über Traumapädagogik, hilfreiche Haltungen und die Frage, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen

Rebekka Sikinger

Rebekka Sikinger

Vor über 20 Jahren habe ich selbst in der Jugendhilfe gearbeitet. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat mir viel Freude gemacht. Gleichzeitig gab es Situationen, in denen ich mich hilflos fühlte und nicht wusste, wie ich angemessen reagieren sollte.

Im Gespräch mit Christopher Kahmen, Psychologe, Diplom-Erziehungswissenschaftler und Referent unserer Fortbildung „Einführung in die Traumapädagogik“, dachte ich deshalb mehr als einmal:

Warum hat mir das damals niemand erklärt?

Denn Traumapädagogik verändert zunächst den Blick: auf herausforderndes Verhalten, auf Eskalationen, auf Beziehungen und auch auf die eigenen Reaktionen.

„Erst später verstand ich, wie tief sein Misstrauen war.“

Rebekka Sikinger: Herr Kahmen, gab es Situationen, bei denen Sie heute sagen: Wenn ich das früher verstanden hätte, hätte ich das Verhalten eines jungen Menschen anders eingeschätzt?

Christopher Kahmen

Christopher Kahmen

Christopher Kahmen: Solche Situationen gibt es viele. In meinen beruflichen Anfängen begleitete ich einen Jugendlichen sehr intensiv. Trotzdem hatte ich lange das Gefühl, nicht an ihn heranzukommen. Erst später verstand ich, wie viele Beziehungsabbrüche er erlebt hatte und wie tief sein Misstrauen war. Damals brachte ich selbst noch zu wenig Verständnis und Sicherheit mit, um ihm deutlich zu vermitteln: Ich bin da, ich bleibe da, auf mich kannst du dich verlassen.

RS: Das heißt, hinter einem Verhalten, das wie Ablehnung wirkt, kann auch die Erfahrung stehen, dass Beziehungen ohnehin nicht halten?

CK: Genau. Kinder und Jugendliche mit vielen Beziehungsabbrüchen rechnen oft damit, dass Menschen sie ohnehin wieder verlassen. Deshalb brechen sie Beziehungen manchmal lieber selbst ab, bevor sie erneut enttäuscht werden. Was wie Ablehnung oder Provokation aussieht, ist manchmal ein Versuch, sich vor weiteren Verletzungen zu schützen.

„Muss ich das jetzt wirklich klären?“

RS: Wenn ein Kind eskaliert, bleibt keine Zeit für eine Teamsitzung oder ein Konzept. Was hilft in diesem Moment?

CK: Wichtig ist zunächst, sich selbst wahrzunehmen. Wann fahre ich hoch? Wann werde ich wütend? Wann möchte ich die Situation unbedingt kontrollieren? Außerdem hilft eine einfache Frage: Muss ich das jetzt wirklich klären?

Häufig lässt sich eine Situation in diesem Moment gar nicht lösen. Dann höre ich zu, lasse das Kind toben, bleibe präsent und halte den Rahmen. Vorrang haben Sicherheit und Deeskalation. Viele Fachpersonen können das Verhalten des Gegenübers gut erklären. Sie unterschätzen aber, wie stark sie selbst in solchen Situationen aktiviert werden. Deshalb ist es so wichtig, die eigenen Trigger zu kennen.

„Ich verstehe, und ich bin nicht einverstanden.“

RS: Verständnis für die Gründe eines Verhaltens bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Wie gelingt es, empathisch zu bleiben und gleichzeitig Grenzen zu setzen?

CK: Eine hilfreiche Formulierung lautet: „Ich verstehe, und ich bin nicht einverstanden.“ Beides darf nebeneinanderstehen.

Ich kann verstehen, warum eine Situation für einen jungen Menschen schwierig ist, und gleichzeitig klar benennen, dass ein bestimmtes Verhalten nicht in Ordnung ist. Verstehen bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen. Aber das Verstehen schafft eine andere Grundlage, als ausschließlich zu sanktionieren. Oft ist die hilfreichere Frage nicht: Wie bestrafe ich das? Sondern: Wie kann es beim nächsten Mal gelingen?

„Am Anfang muss die Haltung stehen.“

RS: Traumapädagogik wird häufig mit Methoden und Fachwissen verbunden. Wie viel hängt tatsächlich davon ab, wie ich einem Kind grundsätzlich begegne?

CK: Ich halte die Grundhaltung für entscheidend. Die Methoden der Traumapädagogik sind hilfreich. Aber am Anfang muss die Frage stehen: Wofür stehe ich? Welche Haltung brauche ich?

Wenn wir diese Haltung auf traumatisierte und belastete Kinder und Jugendliche übertragen, entsteht daraus eine wichtige Grundlage für Sicherheit, Orientierung und Entwicklung. Die Methoden kommen danach.

„Was hat dieses Kind erlebt?“

RS: Welche Veränderung sollten Teilnehmende idealerweise aus Ihrer Fortbildung mitnehmen?

CK: Ich wünsche mir, dass sie mindestens eine zusätzliche Perspektive gewinnen. Für mich ist entscheidend, die Annahme des guten Grundes ernst zu nehmen. Deshalb lautet die zentrale Frage der Traumapädagogik nicht: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“ sondern: „Was hat dieses Kind erlebt?“

RS: Was gibt Ihnen bei all der Komplexität Hoffnung?

CK: Besonders hoffnungsvoll stimmt mich, wie viele Einrichtungen, Schulen, Pflegefamilien und Fachkräfte sich inzwischen auf den Weg machen, Kinder und Jugendliche traumasensibel zu begleiten. Das zeigt: Veränderung ist möglich.

Warum dieses Seminar?

Die Fortbildung „Einführung in die Traumapädagogik“ vermittelt nicht einfach weitere Methoden. Sie eröffnet neue Perspektiven auf traumatisierte Kinder und Jugendliche, auf herausfordernde Situationen und auf die eigene professionelle Rolle.

Vielleicht haben Sie beim Lesen an ein Kind oder einen Jugendlichen gedacht, dessen Verhalten Sie besser verstehen möchten. Vielleicht auch an Mitarbeitende, die täglich mit solchen Herausforderungen umgehen und dabei Orientierung, Fachwissen und Austausch brauchen.

Dann könnte die Fortbildung „Einführung in die Traumapädagogik“ genau der richtige nächste Schritt sein.


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